Forschungsbericht und Theoriekapitel-Entwurf zur Masterarbeit „Steuerung von Abläufen in multinationalen Unternehmen in der Post-Implementierungsphase von ERP-Systemen". Stand: Mai 2026.
Die Forschungsfrage des Theoriekapitels – „Wie kann ein Konzept bzw. ein Gedanken-Konzept verändert werden?" – ist auf den ersten Blick philosophisch, auf den zweiten Blick eine der praktischsten Fragen, die sich in einem ERP-Projekt stellen lassen. Ein ERP-System ist, wie Klaus, Rosemann und Gable (2000) in ihrer kanonisch gewordenen Begriffsbestimmung gezeigt haben, nicht nur ein Stück Software, sondern ein „Bündel von Geschäftsprozessen", das in Daten, Schemata, Berechtigungen und Prozessmasken eine bestimmte Vorstellung davon einschreibt, wie ein Unternehmen funktionieren soll. In der Post-Implementierungsphase multinationaler Unternehmen treffen mindestens zwei solcher Vorstellungen aufeinander: die im Konzern-Template kodifizierte Idee einer harmonisierten globalen Organisation und die in lokalen Routinen, regulatorischen Anforderungen und kulturellen Praktiken verankerten Vorstellungen davon, was „korrekte Buchhaltung", „korrekte Lagerwirtschaft" oder „korrekte Personaladministration" bedeutet.
Wer in dieser Lage „harmonisieren" will, muss Konzepte verändern – im doppelten Sinn: formale Konzepte im System (Stammdaten, Buchungslogik, Reporting-Hierarchien) und Gedankenkonzepte bei den Anwender:innen (mentale Modelle, Routinen, Sprachgebrauch). Das vorliegende Kapitel entwickelt einen integrierten theoretischen Rahmen, der beide Ebenen verbindet, indem er sechs Stränge zusammenführt: die Formal Concept Analysis (FCA) als formale Begriffstheorie (Abschnitt 2), Datenanalyse und KDD als operative Begriffsbildung aus Daten (Abschnitt 3), Knowledge Management als organisationale Theorie der Wissensumwandlung (Abschnitt 4), die KI-Denkkonzepte nach Russell & Norvig als heuristisches Anschauungsmodell für die Trennung von Denken und Handeln (Abschnitt 5), das Zwei-Schichten-Modell des menschlichen Denkens nach Kahneman (Abschnitt 6) und die Change Concepts des Institute for Healthcare Improvement (IHI) als generische Veränderungsmuster (Abschnitt 7). Abschnitt 8 verknüpft diese Stränge zu einer integrativen Argumentation und überträgt sie auf die ERP-Post-Implementierung in multinationalen Unternehmen; Abschnitt 9 unterzieht die in der Masterarbeit bislang zitierten Quellen einer Aktualitätsprüfung Stand Mai 2026.
Die Argumentationslinie lautet: Konzepte werden nicht durch bloße Anweisung verändert. Sie werden verändert, indem (i) ihre formale Struktur sichtbar gemacht wird (FCA, KDD), (ii) das in ihnen aufgehobene tazite Wissen in einen sozialen Umwandlungsprozess eingespeist wird (SECI, Wissenstreppe), (iii) das Verhältnis von schnellem, automatisiertem und langsamem, deliberativem Denken bewusst adressiert wird (System 1/2), und (iv) konkrete Veränderungshebel (Change Concepts) angewandt werden, die sowohl auf bewusste Routinen als auch auf die unbewusste Schicht der Praxis zielen. KI fungiert in diesem Rahmen nicht als zusätzliche Lösung, sondern als didaktischer Spiegel, der die Architektur des menschlichen Denkens kontrastiert und damit reflexiv zugänglich macht.
Die Formal Concept Analysis wurde 1982 von Rudolf Wille als Restrukturierung der Verbandstheorie zu einer Theorie der Begriffe begründet und von Bernhard Ganter mathematisch ausgebaut (Ganter & Wille, Formal Concept Analysis: Mathematical Foundations, 1999). Ausgangspunkt ist der formale Kontext $K = (G, M, I)$ aus einer Menge $G$ von Gegenständen (objects), einer Menge $M$ von Merkmalen (attributes) und einer Inzidenzrelation $I \subseteq G \times M$. Ein formaler Begriff ist ein Paar $(A, B)$ mit $A \subseteq G$, $B \subseteq M$, sodass $A$ genau die Gegenstände enthält, die alle Merkmale aus $B$ aufweisen, und $B$ genau die Merkmale, die alle Gegenstände aus $A$ teilen ($A = B'$, $B = A'$). Die Menge aller solchen Begriffe bildet, geordnet durch die Unterbegriff-Oberbegriff-Relation, einen vollständigen Verband – den Begriffsverband $\underline{\mathfrak{B}}(K)$.
Diese Konstruktion ist für unsere Fragestellung zentral, weil sie eine operationale Definition von „Konzept" liefert: Ein Konzept ist nicht bloß ein Wort, sondern die strukturelle Korrelation zwischen einer Extension und einer Intension. Konzeptveränderung lässt sich damit präzise fassen: Sie geschieht entweder durch Veränderung der Gegenstandsmenge, der Merkmalsmenge oder der Inzidenzrelation – mit jeweils berechenbaren Auswirkungen auf den Verband.
Im Zeitraum 2022–2026 hat sich die FCA-Forschung in drei Richtungen weiterentwickelt, die für ERP-Kontexte besonders relevant sind:
Wille selbst hat FCA als Beitrag zu einer „pragmatischen Wissenschaftstheorie" verstanden, in der Begriffe immer auch sozial verhandelt sind. Die FCA liefert damit kein objektives, sondern ein transparentes Konzept: Sie macht offenlegbar, welche Gegenstände unter welchen Merkmalen subsumiert werden – und wo die Grenzen verschwimmen. Genau das ist die Operation, die in einem ERP-Projekt benötigt wird, wenn etwa der Begriff „Kunde" zwischen Vertrieb (Marketingempfänger), Buchhaltung (Debitor) und Service (Anfragesteller) unterschiedlich konstituiert ist.
FCA-basierte Werkzeuge (etwa ConExp, FCAbedrock, lattice-miner) finden in der Praxis Einsatz im Knowledge Engineering, in der Anforderungsanalyse und in der Modellierung von Berechtigungskonzepten – Letzteres ist für ERP-Systeme zentral, weil Rollen-/Berechtigungssysteme (z. B. SAP-Rollenkonzept, Oracle-RBAC) im Kern Begriffsverbände sind: Eine Rolle ist die Intension einer Menge von Personen, die exakt dieselben Berechtigungen besitzen.
Während FCA die Form von Konzepten klärt, liefern Datenanalyse, Business Intelligence (BI) und Data Mining die Empirie, aus der Konzepte gebildet werden. Die Forschung 2022–2026 zeigt drei dominante Tendenzen:
Data Mining ist die Maschinenseite der Wissensgenerierung; Knowledge Management ist die Menschseite. Beide werden im KDD-Prozess explizit verknüpft: Fayyad, Piatetsky-Shapiro und Smyth (1996) definierten KDD als „den nicht-trivialen Prozess der Identifikation gültiger, neuartiger, potentiell nützlicher und letztlich verständlicher Muster in Daten" – wobei „verständlich" den Übergang ins menschliche Wissen markiert. Argyris & Schön (1978) und in jüngerer Zeit Easterby-Smith & Lyles (2020) haben gezeigt, dass organisationales Lernen genau an dieser Schnittstelle entsteht: dort, wo aus algorithmisch erzeugten Mustern geteilte Deutungen werden.
In der Post-Implementierungsphase ist BI/Data Mining der Hauptmechanismus, durch den ein „eingefrorener" ERP-Stand wieder flüssig wird. Drei Funktionen sind besonders wichtig:
Der klassische KDD-Prozess umfasst fünf Phasen (Fayyad et al. 1996): (1) Selection – Auswahl relevanter Daten; (2) Preprocessing – Bereinigung; (3) Transformation – Reduktion und Projektion; (4) Data Mining – Anwendung von Algorithmen zur Mustererkennung; (5) Interpretation/Evaluation – Bewertung und Konsolidierung im Wissensbestand. Die fünfte Phase ist genau der Punkt, an dem FCA, KM und Change Concepts ansetzen müssen, damit aus Mustern handlungsleitende Konzepte werden.
Das Wissensmanagement-Feld wird auch 2026 von zwei Modellen strukturiert, die in der internen Forschungsdokumentation der Masterarbeit zitiert sind:
Aktuelle Arbeiten (2022–2026) ergänzen diese Modelle um vier Akzente: (i) digital knowledge management unter Bedingungen von KI und LLMs, (ii) knowledge boundary spanning in verteilten/multinationalen Organisationen, (iii) unlearning als eigenständige Phase, und (iv) knowledge risk management im Kontext von Daten-Compliance.
Polanyis Unterscheidung „we know more than we can tell" ist im MNU-Kontext besonders wirksam: Lokale Niederlassungen verfügen über tazites Wissen über Kunden, Behörden, Sprache, Steuerlogiken und informelle Eskalationswege, das in keinem Konzern-Template steht. Goyette, Cassivi, Courchesne und Elia (2022) haben gezeigt, dass die Post-Implementierungsphase im Kern eine Wissenstransfer-Herausforderung ist – und dass das Scheitern von ERP-Projekten in dieser Phase typischerweise durch unterbrochene Wissensflüsse zwischen externen Beratenden, Key-Usern und Endnutzer:innen erklärbar ist.
Singh, Singh und Misra (2023) bestätigen für die pharmazeutische Branche, dass die Post-Implementierungs-Herausforderungen nicht technischer, sondern überwiegend wissens- und prozessbezogener Natur sind: unzureichende Schulung, fehlende kontinuierliche Verbesserung, Verlust von Implementierungswissen nach Abzug der Beratenden.
Die einschlägige Literatur identifiziert vier Mechanismen erfolgreichen Wissenstransfers in dieser Phase:
Forschung 2022–2026 zeigt drei robuste Befunde: (a) Single-event-trainings (klassischer Schulungsansatz „eine Woche vor Go-Live") sind nahezu ineffektiv für nachhaltige Verhaltensänderung; (b) rollen-/aufgabenspezifische Microlearnings in Kombination mit kontextueller Hilfe (Performance Support, In-App-Guides, KI-Assistenz) erzielen signifikant höhere Adoptionsraten; (c) psychologische Sicherheit (Edmondson) ist Voraussetzung dafür, dass Anwender:innen fehlende Kompetenzen kommunizieren statt Workarounds zu entwickeln.
Russell und Norvigs Artificial Intelligence: A Modern Approach (4. Aufl. 2021; im Diskurs 2022–2026 weiterhin Standardwerk) strukturiert das Feld entlang zweier Achsen – „menschlich vs. rational" und „denken vs. handeln" – mit den vier resultierenden Quadranten:
| Denken | Handeln | |
|---|---|---|
| Menschlich | Cognitive Modeling | Turing-Test-Tradition |
| Rational | „Laws of Thought" | Rationale Agenten |
Russell & Norvig argumentieren, dass die rationale-Agenten-Konzeption die analytisch produktivste ist, weil sie ohne Bezug auf menschliche Psychologie auskommt und gleichzeitig eine klare Erfolgsdefinition (Maximierung erwarteten Nutzens) bietet.
Die Generation großer Sprachmodelle ab 2023 (GPT-4-Familie, Claude, Gemini, Llama) und die anschließenden „Reasoning-Modelle" (sog. o-Serien, „Reasoning-LLMs", „Thinking-Modelle") haben das Feld faktisch verschoben: Statt reiner Pattern-Completion erfolgt explizites schrittweises Schließen, häufig kombiniert mit Tool-Use und externer Speicheranbindung. Damit sind technisch erstmals Systeme verfügbar, die – im Russell-Norvig-Schema – Elemente sowohl rationalen Denkens (logisch-deduktive Schritte) als auch menschlich-imitativen Handelns (dialogische Anpassung) integrieren. Es bleibt jedoch ein wichtiger epistemischer Vorbehalt: Performanz ist nicht Verstehen. LLMs lösen Aufgaben, ohne notwendigerweise Modelle zu unterhalten, und sind anfällig für Konfabulation, Halluzination und Sykophanz.
Genau diese Differenz macht KI als Anschauungsmodell wertvoll. Drei Korrespondenzen sind für unser Theoriekapitel relevant:
KI ist damit keine Substitutionstechnologie für menschliches Denken, sondern – methodologisch gesehen – ein funktionalistisches Modell, an dem sich kognitive Architekturen reflektieren lassen.
Daniel Kahneman hat in Thinking, Fast and Slow (2011) und im späteren Noise (Kahneman, Sibony & Sunstein 2021) ein didaktisch außerordentlich wirksames Modell formuliert:
Kahneman selbst hat die Modellierung als „nützliche Fiktion" bezeichnet, nicht als neuroanatomische Aussage. Diese epistemische Bescheidenheit ist methodisch wichtig.
Die Forschung der letzten vier Jahre hat das Bild differenziert, ohne es grundsätzlich zu verwerfen:
Für unsere Fragestellung ist die saubere neurowissenschaftliche Auflösung sekundär; relevant ist die funktionale Unterscheidung. Wir behandeln das Unterbewusstsein methodisch als ein eigenständiges Gedankenkonzept – als operativen Träger von Routinen, Schemata und Habitus –, das durch System-2-Operationen modelliert, adressiert und langfristig modifiziert werden kann, aber nicht durch reine Anweisung.
Diese Abstraktion ist entscheidend für die Übertragung auf Veränderungsarbeit: Eine Buchungsroutine, die seit 15 Jahren in einer lokalen Niederlassung ausgeführt wird, ist System-1-verankert. Sie wird nicht durch eine neue SAP-Maske geändert, sondern durch wiederholte System-2-Erfahrungen, in denen die neue Maske erst bewusst, dann routiniert und schließlich wieder unbewusst gehandhabt wird. Das ist exakt Nonakas Internalisierungsschritt – nun kognitionspsychologisch fundiert.
Das Institute for Healthcare Improvement (IHI) hat im Anschluss an das Model for Improvement von Langley, Moen, Nolan, Nolan, Norman und Provost (The Improvement Guide, 2. Aufl. 2009) eine Liste von 72 generischen Change Concepts entwickelt, gegliedert in neun Kategorien:
Jedes Change Concept ist ein generischer, abstrakter Hebel – kein fertiges Verfahren –, der in einer konkreten Situation in eine spezifische Veränderungsidee übersetzt werden muss. Das Werkzeug der Wahl für diese Übersetzung sind PDSA-Zyklen (Plan-Do-Study-Act).
Die Change Concepts stehen in direkter Linie zu Demings PDCA, Toyotas Lean Production (Ohno, Womack & Jones), Six Sigma und der Qualitätsverbesserungs-Tradition im Gesundheitswesen (Berwick). Ihr methodischer Anspruch ist explizit theory-driven aber empirisch zu validieren: Jeder Hebel ist eine Hypothese, die im PDSA-Zyklus geprüft wird.
Auch wenn Ursprung und prominenteste Anwendungen im Gesundheitswesen liegen, sind die Change Concepts strukturell domänen-agnostisch. Für ERP-Post-Implementierung sind besonders relevant:
Die Change-Management-Forschung 2022–2026 ist gekennzeichnet durch (i) die fortgesetzte Kritik an Kotters klassischem 8-Schritte-Modell als zu linear, (ii) zunehmende Integration von Implementation Science (CFIR, RE-AIM, NPT), (iii) wachsende Bedeutung von „adaptive change" gegenüber „planned change", und (iv) ein verstärktes Bewusstsein für die emotionale und identitätsbezogene Dimension von Veränderung. Eine besonders einschlägige aktuelle Arbeit ist Nair et al. (2025) Critical activities for successful implementation and adoption of AI in healthcare, die das Quality Implementation Framework (QIF) auf KI-Einführungen anwendet und damit ein direktes Analogon zur ERP-Einführung liefert.
Der Wert der IHI Change Concepts für unsere Forschungsfrage liegt darin, dass sie eine verbindende Sprache zwischen abstrakter Theorie und operativer Praxis liefern. Sie sind weder so abstrakt wie SECI noch so spezifisch wie eine konkrete Schulungsmaßnahme. Sie sind genau auf der Vermittlungsebene angesiedelt, auf der ein ERP-Programmleiter operiert.
Die drei Felder bearbeiten dieselbe Frage – Wie wird aus Daten ein verbindliches Konzept? – auf drei Abstraktionsebenen.
Die drei greifen in einer Pipeline ineinander: FCA strukturiert die Begriffsräume, in denen Data Mining operiert (z. B. Definitionen für „aktiver Kunde" oder „kritischer Lagerbestand"); Data Mining liefert empirische Inhalte für diese Begriffsräume; KM-Mechanismen sorgen dafür, dass die so erzeugten Begriffe organisational verbindlich werden.
KI ist funktionalistisches Modell der Kognition, nicht ihre Replikation. Die Vier-Felder-Matrix von Russell & Norvig – Denken vs. Handeln, menschlich vs. rational – kann auf das Zwei-Schichten-Modell Kahnemans abgebildet werden:
Diese Vierfeldertafel macht eine fundamentale Differenz sichtbar, die in ERP-Projekten ständig relevant ist: Was wir denken, dass wir tun, ist nicht, was wir tatsächlich tun. Reasoning-LLMs spiegeln diese Differenz technisch wider – sie machen die Schritte des Schließens explizit – und schaffen damit einen heuristischen Kontrast, an dem organisationale Selbstreflexion ansetzen kann.
Die Change Concepts wirken, weil sie auf vier Ebenen gleichzeitig ansetzen:
Unbewusste Muster werden also nicht frontal angegriffen, sondern indirekt: durch wiederholte System-2-Erfahrungen, deren Erfolge System 1 schließlich übernimmt. Diese Logik korrespondiert mit Nonakas Internalisierungsschritt und mit der lerntheoretischen Tradition von Kolb und Argyris.
Multinationale Unternehmen sind paradigmatische Schauplätze konkurrierender Begriffsverbände. Der Konzern-Kontext $K_{\text{global}}$ definiert Gegenstände (z. B. Kostenstellen, Kunden, Produkte) durch eine Konzernontologie; die lokalen Kontexte $K_{\text{local}}$ haben dieselben Wörter, aber andere Inzidenzrelationen. Harmonisierung im Sinn der Forschungsfrage der Masterarbeit ist nicht das Auslöschen der lokalen Verbände, sondern die Konstruktion eines gemeinsamen Oberverbands, in dem global und lokal als Unter-Begriffsstrukturen koexistieren können.
Empirisch zeigen Osnes, Olsen, Vassilakopoulou und Hustad (2018), dass die zentrale Spannung zwischen Konzernzentrale (Standardisierung, Kontrolle) und lokalen Einheiten (Erhalt lokaler Routinen, regulatorische Compliance) der Hauptkonfliktherd ist. Goyette et al. (2022) ergänzen, dass die Wissensübergabe an die Linienorganisation nach Go-Live der entscheidende Erfolgsfaktor ist. Singh et al. (2023) bestätigen für die Pharmabranche, dass die Post-Implementierungs-Phase eigene Herausforderungen produziert – darunter Datenqualität, Schulungsdefizite, Anpassung an regulatorische Veränderungen, kontinuierliche Optimierung.
Die für den Masterarbeitsstand 2025/2026 wichtigste Ergänzung ist Winter und Scholz (2025): Sie schlagen eine spannungsbewusste Programm-Governance vor, die nicht versucht, den Zentral-Lokal-Konflikt aufzulösen, sondern ihn aktiv zu kuratieren. Aus theoretischer Sicht ist das die Operationalisierung der hier entwickelten Argumentation: Konzepte werden verändert, indem sie nebeneinander gestellt, formal expliziert und sozial verhandelt werden.
Aus dem aktuellen Forschungsstand (Goyette et al. 2022; Hustad et al. 2016; Osnes et al. 2018; Niedermeier 2025; Rîndașu et al. 2026; Singh et al. 2023; Winter & Scholz 2025) lassen sich sechs konkrete Harmonisierungsmechanismen identifizieren, die im integrierten Theorierahmen genau zuordenbar sind:
Die Mechanismen wirken zusammen: Ohne (1) und (3) bleiben die Begriffe unklar; ohne (2) und (6) bleibt das Wissen unverankert; ohne (4) und (5) bleibt der Konflikt entweder unproduktiv oder unterdrückt.
| Quelle | Status Mai 2026 | Bewertung / Empfehlung |
|---|---|---|
| Klaus, Rosemann & Gable (2000), What is ERP? | Kanonisch, aber sachlich überholt | Als historische Begriffsdefinition zitieren; ergänzen um aktuelle Definitionen, die Cloud/SaaS, Composable-ERP, KI-Integration und Sustainability einbeziehen (z. B. Rîndașu et al. 2026). |
| Osnes, Olsen, Vassilakopoulou & Hustad (2018), ERP Systems in MNEs | Weiterhin einschlägig | Beibehalten als Strukturierung des Zentral-Lokal-Konflikts; ergänzen um Winter & Scholz (2025) für aktuellen Governance-Ansatz. |
| Goyette, Cassivi, Courchesne & Elia (2022), The ERP post-implementation stage: A knowledge transfer challenge | Aktuell und einschlägig | Beibehalten; bildet die KM-Brücke. |
| Hulstijn (2023), Computational Accountability | Aktuell und zunehmend wichtig | Beibehalten; bildet die normative Brücke zu EU AI Act / EHDS / DSGVO. Stark mit Hustad et al. (2016) und mit der „Virtue-Accountability"-Diskussion (interne Quelle Drive 2026) verknüpfbar. |
| Singh, Singh & Misra (2023), Post-implementation challenges of ERP system in pharmaceutical companies | Aktuell, branchenspezifisch | Als Branchen-Evidenz beibehalten; Generalisierbarkeit vorsichtig formulieren. |
| Siw (2022), CSF of ERP Implementations in SMEs | Aktuell, aber SME-Fokus | Nur eingeschränkt auf MNUs übertragbar; einschlägig für Vergleichsdiskussion (welche CSFs auch in MNUs gelten, welche nur in SMEs). |
| Russell & Norvig (4. Aufl. 2021) | Standardwerk | Beibehalten; ergänzen um peer-reviewte Arbeiten zu Reasoning-LLMs 2024–2026. |
| Kahneman (2011); Kahneman, Sibony & Sunstein (2021) | Standardwerk + aktuelle Erweiterung | Beibehalten; ergänzen um Predictive-Processing- und Embodied-Cognition-Forschung. |
| Wille (1982); Ganter & Wille (1999) | Standardwerk | Beibehalten; ergänzen um aktuelle FCA-Anwendungen 2022–2026 in XAI und Knowledge Engineering. |
| Nonaka (1994); Nonaka & Takeuchi (1995) | Standardwerk | Beibehalten; ergänzen um aktuelle KM-Forschung zu LLM-gestütztem Wissensmanagement. |
| IHI / Langley et al. (2009) | Standardwerk | Beibehalten; ergänzen um aktuelle Implementation-Science-Frameworks (CFIR, NPT, RE-AIM). |
Die Forschungsfrage des Theoriekapitels – Wie kann ein Konzept bzw. ein Gedanken-Konzept verändert werden? – findet im hier entwickelten Rahmen eine vierfach gegliederte Antwort:
KI dient in diesem Rahmen nicht als zusätzliche Lösung, sondern als Anschauungsmodell, das die Architektur des menschlichen Denkens kontrastiert und damit reflexiv zugänglich macht: Reasoning-LLMs zeigen, was es heißt, deliberativ zu denken, weil sie die Schritte explizit machen müssen – und genau diese Explizitheit fehlt menschlichem Routinedenken.
Übertragen auf die ERP-Post-Implementierung in multinationalen Unternehmen ergibt sich daraus eine kohärente Antwort auf die übergeordnete Forschungsfrage der Masterarbeit: Harmonisierung zwischen zentralen Anforderungen und lokalen Bedürfnissen ist nicht die Beseitigung der Spannung, sondern deren produktive Bearbeitung durch ein abgestimmtes Set aus formalen (FCA, Datenmodellen), empirischen (Process Mining, BI), sozialen (Key-User-Netzwerke, SECI-Zyklen) und operativen (Change Concepts, PDSA, spannungsbewusste Governance) Mechanismen. In dieser Antwort wird das Theoriekapitel zu einer expliziten Anleitung dafür, wie die empirische Untersuchung der Masterarbeit strukturiert sein sollte: nämlich entlang dieser vier Ebenen.